Der Fuchs – Eine Weihnachtsgeschichte

Wie jedes Jahr sind sie am Vortag des Heiligen Abends bei Traudi und Gunter eingeladen. In Reichenstein im Mühlviertel. Sie – das sind 10 Teilnehmerinnen aus Siegis Gymnastik-Gruppe. Traudi und Gunter haben ein Haus, das in der freien Natur steht. Wunderschön gelegen.

Es ist ein Wintertag, von dem man gar nicht glaubt, dass es ihn noch gibt. Strahlend blauer Himmel. Das Mühlviertel ist mit einer dicken Schneedecke überzogen. Es ist frostig, aber nicht klirrend kalt. Knapp unter null Grad. Der Schnee knirscht unter den Schuhen. Wie jedes Jahr haben sie eine kurze Winterwanderung gemacht. So etwa eineinhalb Stunden.

Dann haben sie sich in dem wohlig warmen Haus von Traudi und Gunter aufgewärmt. Alle mit roten Bäckchen von der kalten Luft. Sie haben Kaffee getrunken, Weihnachtskekse gegessen. Jetzt haben sie sich wieder ihre Anoraks angezogen und stehen auf der Terrasse, trinken das traditionelle Glas Prosecco und genießen die nachmittägliche Sonne. Sie plaudern.

„Na sowas“, sagt Traudi plötzlich mit einem irritierten Unterton.
„Was?“ fragt Gunter.
„Na, der Fuchs…“
„Was ist mit dem Fuchs?“
„Na, dass er heute schon hier ist. Das ist doch viel zu bald. Er kommt doch sonst nur in der Abenddämmerung.“
Gunter blickt zum Waldrand hinüber.
„Tatsächlich“, murmelt er, „ja, das ist merkwürdig.“
Er schüttelt den Kopf. Ebenso überrascht, wie nachdenklich. Auch Traudi ist überrascht und schüttelt immer wieder den Kopf.
„Was ist denn?“ fragt Siegi.
„Unser Weihnachtsfuchs ist wieder da.“
„Der Weihnachtsfuchs?“
„Ja, wir nennen ihn so, weil er uns auch im vorigen Jahr zu Weihnachten besucht hat. Wir sagen schon ‚unser Fuchs‘, weil er uns heuer in dieser Woche fast jeden Tag besuchen kommt.“
„Ein Fuchs? Der kommt euch besuchen?“
„Ja, schau nur… da drüben…“
Gunter deutet zum Waldrand.
„Wo? Ich seh‘ nichts“, sagt Siegi.
„Na dort drüben. Siehst du die zwei hohen Bäume? Und links drunter, da ist so ein kleiner Holzstoß. Siehst du den?“
„Ja, den seh‘ ich.“
„Und dann noch zwei Sträucher weiter nach links… da sitzt der Fuchs. Siehst du ihn jetzt.“
„Ja, jetzt seh‘ ich ihn… tatsächlich ein Fuchs…“
„Was? Wo? Wo ist ein Fuchs?“, tönt es jetzt von allen Seiten.
Alle sind jetzt aufmerksam geworden. Es dauert natürlich einige Zeit, bis Traudi und Gunter allen erklärt haben, wo er sitzt. Aber schließlich haben ihn alle erspäht und blicken staunend zum Waldrand hinüber.
„Das hab ich auch noch nie gesehen“, meint Siegi, „dass sich ein Fuchs so nahe an Menschen heranwagt.“
„Jaja, er kommt fast jeden Tag“, bestätigt Traudi, „er hat sich schon gewöhnt an uns. Ist richtig zutraulich.“
„Zutraulich?“
„Nicht wirklich zutraulich. Aber immerhin hat er keine Angst vor uns.“
Jetzt starren wirklich alle zum Waldrand hinüber. Gespannt, was sich da noch weiter ergibt.
„Aber der rührt sich ja gar nicht“, sagt Siegi, „hat der was?“
„Nein, der hat nichts. Was soll er denn haben?“ beruhigt Traudi.
„Traudi, hast du noch ein paar Heidelbeerkeks“, fragt Gunter.
„Jaja, es sind noch einige da.“
„Na dann bring ich ihm doch ein paar.“
„Was? Du bringst dem Fuchs Heidelbeerkeks.“
„Ja, warum nicht?“
„Aber… aber… ein Fuchs ist doch ein Fleischfresser!“
„Ja, das hab ich auch geglaubt. Aber jetzt im Winter, da findet er nicht genug zum Fressen. Ich hab das gegoogelt. Wenn er keine Hasen, Enten und Fasane findet, muss er sich oft mit Würmern und Insekten zufriedengeben. Auch Beeren und Früchte frisst er dann. Darum die Heidelbeerkekse.“
„Na, das ist doch… ganz unglaublich.“
„Ich hab ihm mal Lebkuchen gebracht, den hat er nicht angerührt. Aber die Heidelbeerkekse… Da ist er ganz wild drauf. Du wirst sehen.“

Gunter hat die Kekse auf eine Serviette gepackt und schickt sich an, zum Waldrand rüber zu gehen.
„Nein Gunter, geh da bitte nicht rüber“, warnt Siegi.
„Wieso nicht?“
„Der Fuchs… der sitzt so still da. Der hat sicher was. Wahrscheinlich ist er krank. Vielleicht hat er Tollwut. Es ist doch nicht natürlich, dass ein Fuchs so still dasitzt.“
„Ach, der hat nichts. Er ist nicht krank. Der ist immer so. Wie kennen ihn schon lange.“
„Gunter, ich würd‘ das auf keinen Fall machen! Der hat sicher was! Wie der still sitzt. Was ist, wenn er dich beißt? Oder auch nur kratzt? Und irgendwas Ansteckendes hat… Damit ist nicht zu spaßen.“
„Vertrau mir, ich geh jetzt rüber und bring ihm die Kekse. Er wird sich freuen. Schließlich ist ja auch für ihn Weihnachten.“

Nun wendet er sich endgültig um. Zieht seine Moonboots an. Geht Richtung Waldrand. Stapft durch den doch einigermaßen tiefen Schnee. Alle sehen ihm gebannt nach. Na, wenn das nur gut geht… Jetzt hat er fast den Wald erreicht. Der Fuchs bewegt sich immer noch nicht.
„Der rührt sich immer noch nicht“, sagt jemand leise.
„Ja, merkwürdig…“
„Ich sag’s euch doch, der hat was.“
Sie vernehmen ein leises Glucksen. Es klingt wie ein verhaltenes Lachen. Wer war das?
Traudi! Sie kann das Lachen nicht mehr zurückhalten. Allen wird klar, dass da was nicht stimmt. Sie sind einem Scherzerl aufgesessen. Da kommt Gunter auch schon zurück. Schwenkt den Fuchs in der Hand. Kommt auf die Terrasse herauf. Setzt das Stofftier auf einen Sessel.

Ähhh…wieviel Glas Prosecco haben die getrunken?

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