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TEST
Ein Lockdown-Gschichtl
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Angeblich sind meine Haare schon zu lang. Stimmt eh. Als also der harte Lockdown aus ist und in einen milderen übergeht, kann man auch zum Friseur. Bin eh schon seit zwei Wochen online-angemeldet. Aber: man kann nicht einfach so hingehen, man muss sich vorher testen lassen. Corona-testen.

Kein Problem, denke ich. Dann melde ich mich mal online zum Testen an. Damit ich sicher drankomme und meinen Friseurtermin nicht verpasse. Die Online-Anmeldung ist etwas ‚strange‘. Man meldet sich an ohne zu sagen wann und wo. Eigentlich will ich schon den Hut draufhauen, dann denke ich mir aber, ich melde mich halt dann testweise zum Test an. Und siehe da, es funktioniert. Wenn man nämlich angemeldet ist, bekommt man ein E-Mail und kann sich dann wieder einloggen und sagen, wann und wo. Wie gesagt ‚strange‘, denn das wäre doch auch in einem Arbeitsgang möglich.

Wie auch immer – ich hab meinen Testtermin, Dienstag, 10.15 Uhr. Als ich um 09.55 im Design-Center ankomme, staune ich nicht schlecht. Es gibt zwei Warteschlangen. Eine kurze. Und eine lange, in der etwa 100 Leute anstehen. Die lange ist für die Angemeldeten, die kurze für die ohne Anmeldung. ‚Strange‘.
Ich überlege kurz, ob ich meine Anmeldung dem Papierkorb übergeben soll, verwerfe aber diesen verwerflichen Gedanken.

Die Wartezeit ist dann eh nicht so lang wie befürchtet, denn bald stehe ich vor der mir zugewiesenen… Testkabine? Teststraße? Testschlachtbank? Oder wie sagt man dazu? Vor mir nur fünf Testwillige. Leider sind das lauter solche, die keinen Termin haben. Und die haben dann auch keinen vom Computer ausgespuckten Wisch. Sondern einen selbstausgefüllten.

Bis der Bundesheerler im Tarnanzug das alles in seinen Computer eingegeben hat, dauert es. Nicht weil er so langsam ist… der eine hat sein Geburtsdatum vergessen, der anderen hat seine Telefonnummer vergessen, der dritte hat seine Brille vergessen und kann nichts ausfüllen, weil er nichts lesen kann. Als ob man das nicht beim Einlass abchecken könnte.

Es dauert einfach, die Warteschlage draußen ist schon auf 200 Personen angewachsen. Die Bundesheerler im weißen Testcondom können nicht testen, weil die Anmeldung so lange dauert. Sie gähnen.

Endlich ist nur mehr eine Dame vor mir. Sie hat einen computergedruckten Anmeldeschein. Das wird schnell gehen. Der Bundesheerler sieht sie fragend an.

„Sie sind Manfred?“
„Nein, Manfred ist mein Mann.“
„Auf Ihrem Anmeldeschein steht aber Manfred.“
„Das ist ja auch der Anmeldeschein von meinem Mann.“
„Aha, muss man jetzt nur den Vornamen ausbessern?“, fragt der Bundesheerler hoffnungsvoll.
„Ähh… das Geburtsdatum stimmt natürlich nicht… und die E-Mail-Adresse auch nicht… und die Telefonnummer auch nicht… Ach ja… und natürlich die Sozialversicherungsnummer…“
So geht das einige Zeit dahin. Es ist inzwischen 10.45 Uhr. Macht aber nichts, denn im Lockdown – auch wenn er weich ist – hat man eh Zeit. Ich spiele Tetris auf meinem Handy. Dann komm ich dran.

Der Bundesheerler sieht meinen Ausweis an. Den, auf dem ich noch ganz kurze Haare habe. So richtig seriös. Er blickt mich an. Dann wieder den Ausweis. Dann wieder mich. Sagt, dass das aber nicht ich sei.

„Natürlich bin das ich, ich habe nur jetzt längere Haare.“
„Tja… ich kann Sie aber nicht identifizieren… der Ausweis ist damit… nicht gültig. Da kann ich Sie nicht drannehmen.“
„Was? Nicht drannehmen?“
„Genau.“
„Und was machen wir jetzt?“, frage ich ihn etwas verwirrt.
„Ja, Sie müssen sich vorher die Haare schneiden lassen. Vielleicht sehen Sie nachher wieder so aus, wie auf dem Foto am Ausweis. Dann kommen sie wieder. Dann werden wir sehen…“
„Okay“, sage ich und will grad wieder gehen. Da fällt mir was ein.
„Ich kann aber nicht zum Friseur gehen, wenn ich nicht getestet bin.“
Er überlegt einige Zeit. Jetzt blickt auch er verwirrt. Aber er denkt nach.
„Wissen Sie was, ich habe hier einen Bundesheer-Kollegen, der war Friseurlehrling, als er eingezogen wurde. Ich frage ihn, ob er Ihnen schnell die Haare schneiden kann.“

Also werde ich nach hinten zu einem anderen Bundesheerler im Tarnanzug geführt. Als er mich sieht, stellt er das Sturmgewehr zur Seite und salutiert.

„Ihnen soll ich die Haare schneiden?“ fragt er mich, ergreift eine rostige Schere und schwingt sie vor meinen Augen hin und her.
„Ja bitte. Mit waschen und föhnen.“
„Ähhh… wo ist Ihr Testnachweis?“
„Welcher Testnachweis?“
„Ich kann Ihnen nur die Haare schneiden, wenn Sie getestet sind.

IchFreuMich, dass mir meine Haare mir inzwischen weit über die Schulter herunterhängen.

 

MERKE:
Ein Gschichtl…
‑ muss nicht wahr sein,
‑ kann einen wahren Kern haben,
‑ soll unterhalten.

 

PS: Freunde von mir – und in meinem Alter – wurden auf der Teststraße Design-Center zur Teststation Nr. 1 geschickt. Da dort aber schon 50 andere standen, wollten sie zu einer anderen. Das ging aber nicht, denn „wir schicken die alten Leute, die nicht mehr so weit gehen können, zur nächstgelegenen.“

 

 

 

 

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